"Es menschelt im Wahlkampf – und wie"

Badische Zeitung, 2013

FREIBURG (erl) - Immer weniger qualifizierte Bewerber stellen sich einer Bürgermeisterwahl. Das jedenfalls behauptet Klaus Abberger. Der müsste es eigentlich wissen. Abberger arbeitet als eine Art lokaler Politikberater: Er berät Kandidaten auf ihrem Weg zum Chefsessel im Rathaus. Mit Erfolg, wie es in der Branche heißt.

BZ: Herr Abberger, wann kandidieren Sie als Bürgermeister?

Abberger: Wahrscheinlich nie. Bisher jedenfalls finde ich die acht Wochen vor einer Bürgermeisterwahl deutlich spannender als die acht Jahre danach. Für das Bürgermeisteramt fehlt es mir an Langmut, Nachsicht, Geduld.

BZ: Was macht denn dieses Amt im Jahr 2013 dann noch reizvoll?

Abberger: Seine maximale Gestaltungsfreiheit und Vielseitigkeit. Vom Landrat einmal abgesehen, haben Bürgermeister praktisch keine Chefs über sich.

BZ: Sie betreuen Kandidaten. Bekommen die ihren Wahlkampf nicht selbst auf die Reihe?

Abberger: Wahlkämpfe sind zu kurz und zu komplex, als dass ein ungeübter Kandidat alles alleine bewältigen könnte. Bewerber sollen sich ganz auf öffentliche Auftritte und möglichst viele Wählerkontakte konzentrieren können, während ich ihnen den Rücken freihalte.

BZ: Wie darf man sich Ihre Rolle vorstellen: Sind Sie der offensive Manager oder der Strippenzieher hinter den Kulissen?

Abberger: Ich sehe mich mehr als Assistenten und weniger als Dompteur. Ich berate den Kandidaten, der dann entscheidet, als wer er was wie und wann kommuniziert. Ich verbiege keine Bewerber und versuche sie auch nicht von ihren Grundüberzeugungen abzubringen. Zusammen mit dem jeweiligen Kandidaten suche und unterstreiche ich dessen Stärken hinsichtlich Persönlichkeit, Qualifikation und Programm, während wir zugleich etwaige Schwächen kaschieren. Frühzeitig lote ich aus, welcher Bewerber zu welcher Kommune passen könnte und umgekehrt. Sobald wir die Mitbewerber kennen, verabreden wir eine Strategie, überlegen wir taktische Schritte, wie wir den Wettbewerb der Personen und ihrer Programme gewinnen können. Oft genug rate ich jemandem, der sich in die falsche Stadt verguckt hat, auch von einer Kandidatur dort ab.

BZ: Wie lautet Ihre Regel Nummer 1, mit der Sie in einen Wahlkampf ziehen?

Abberger: Bleibe dir selber treu und immer ehrlich gegenüber den Wählern – wenn dann Stadt und Bewerber weiterhin zueinander passen, dann passt es wirklich. Andernfalls soll es eben nicht sein.

BZ: Was muss ein Kandidat mitbringen, von dem Sie denken: Jawohl, den bringe ich ans Ziel?

Abberger: Eine gewisse Leutseligkeit ist nie verkehrt. Wenn man gerne offen auf Menschen zugeht, wenn man sie mitzunehmen vermag. Ehrlichkeit, Fleiß, Stehvermögen und Beharrlichkeit, dazu Umsicht, Weitsicht, Führungsqualitäten, Zuhören und Vermitteln können zwischen zumeist unterschiedlichen Interessen. Gesellen sich zum politischen Talent auch noch halbwegs einschlägige berufliche Vorkenntnisse, ist der Wunschkandidat praktisch perfekt.

BZ: Und welche Todsünde sollte er im Wahlkampf auf gar keinen Fall begehen?

Abberger: Perfekte Kandidaten können immer noch über sich selbst stolpern – über Lügen, über Arroganz oder Überheblichkeit. Ich erlebte auch schon Wahlen, da wurden mittelmäßige Bewerber gegenüber eindeutig besser Qualifizierten bevorzugt. Nach dem Motto: Der Gute ist zu gut für uns, der sieht uns doch nur als Karrieresprungbrett und würde nicht lange bei uns bleiben wollen.

BZ: Immer öfter treten Bewerber aus der freien Wirtschaft bei Bürgermeister-Wahlen an, oft mit der Ansage, frischen Wind in die verschlafenen Amtsstuben bringen zu wollen. Liegen die richtig?

Abberger: Das hängt natürlich davon ab, wie verschlafen die betreffenden Amtsstuben in jüngerer Vergangenheit tatsächlich waren und wie schmerzlich bewusst dies der Bürgerschaft überhaupt ist. Im übrigen wird wohl in etlichen Firmen mehr Beamten-Mikado gespielt als in mancher hocheffektiven öffentlichen Verwaltung.

BZ: In Rickenbach im Hotzenwald wollten unlängst mehr als 20 mehr oder weniger qualifizierte Bewerber Bürgermeister werden. Schadet so etwas dem Berufsbild?

Abberger: Als der Gemeindewahlausschuss am 16. Februar gleich 27 Bewerber zum Rededuell in die Gemeindehalle bat, darunter etliche schräge Vögel, war ich skeptisch, ob die Kandidatenvorstellung darüber nicht zur Groteske verkommt. Die Bürgerschaft wusste dann aber zielstrebig zwischen Spreu und Weizen zu unterscheiden.

BZ: Stimmen die Rahmenbedingungen für die Arbeit eines Bürgermeisters eigentlich noch? Die Gestaltungsspielräume sind doch eng geworden.

Abberger: Oh ja, Bürgermeister zu sein, das war schon mal einfacher. Enger gewordene Gestaltungsspielräume, der zunehmende Verlust von Privatsphäre, streitbarer gewordene Gemeinderäte, wachsende Ansprüche aus der Bürgerschaft, häufigere Abwahlen erschweren das Bürgermeisterdasein. Was dazu führt, dass immer mehr Kommunen Mühe haben, einen oder zwei wirklich wählbare Bewerber für ihre ausgeschriebene Stelle zu gewinnen.

BZ: Sie haben mehr als 100 Kampagnen begleitet. Zum Schluss eine kuriose Begebenheit bitte.

Abberger: Es menschelt in Wahlkämpfen. Und wie. Nachdem fest stand, dass ihn das Städtchen Schömberg nahe Rottweil zum Bürgermeister erkoren hatte, erklärte der Wahlsieger im Überschwang der Gefühle gleich noch "ohne Rücksprache" seine damalige Freundin zu "meiner künftigen Frau". Die beiden heirateten später tatsächlich. Auf der anderen Seite musste ich schon miterleben, wie man Kandidaten mit Mord drohte.


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