Beruf Bürgermeister: Der Job im Rathaus

Fachmagazin "der gemeinderat", 2013

Der Politikberater Klaus Abberger, Rottenburg, kennt sich aus mit Bürgermeisterkandidaten. Im Interview mit Jörg Benzing spricht er über die Herausforderungen des Wahlkampfs, Kostenerstattungen und die Bedeutung des Internets und sozialer Medien.

der gemeinderat: Herr Abberger, Sie beraten seit vielen Jahren Bürgermeisterkandidaten und begleiten sie im Wahlkampf. Können Sie diese „Typen“ skizzieren? Gibt es Eigenschaften, die sie verbindet?

Abberger: Kommunen bis 10.000 Einwohner wählen bevorzugt Verwaltungswirte oder ähnlich einschlägig Qualifizierte zu ihren Rathauschefs. In größeren Städten tummeln sich dann zunehmend Juristen. Genauso habe ich schon Förster, Polizisten, Ingenieure, Bäcker, Künstler und andere gecoacht, die ihren Beruf wechseln wollten, weil sie sich zum Bürgermeister berufen fühlten. Diese schiere Berufenheit eint viele angehende Gemeinde- oder Stadtoberhäupter. Sie alle reizt die Aussicht, unmittelbar gestalten zu dürfen, und zwar in einem Ausmaß, wie es nur ganz wenige Berufe erlauben.

der gemeinderat: Kommt es vor, dass Sie jemandem nach den ersten Gesprächen von einer Kandidatur abraten, weil Sie Zweifel an Eignung und Fähigkeiten haben?

Abberger: Meine Beratung beginnt stets mit einem Schnuppergespräch – aufrichtig und ergebnisoffen. Etlichen Interessenten rate ich dann mangels fachlicher Eignung oder mangels Persönlichkeit grundsätzlich ab. Andere Kandidaten sind nur bedingt wählbar, das heißt: nicht überall, sondern wenn eine Wahlgemeinde bestimmte Voraussetzungen erfüllt, wonach ich dann landesweit fahnde, womöglich jahrelang. Allzu blutjungen Interessenten, die es manchmal kaum erwarten können, rate ich mitunter, vollends zu reifen. Etliche Bürgermeister habe ich scheitern sehen, weil sie schlicht zu früh ins Amt gelangten.

der gemeinderat: Das Amt des Bürgermeisters bietet breiten Gestaltungsraum und verspricht hohes Ansehen. Zugleich fordert es aber auch großen persönlichen und zeitlichen Einsatz. Ist die hohe Belastung aus Ihrer Sicht mit ein Grund, warum viele Gemeinden nur schwer qualifizierte Bewerber finden?

Abberger: Ja. Hinzu kommt, dass Bürger anspruchsvoller und wehrhafter werden, oder positiv ausgedrückt: mündiger. Viele Gemeinderäte haben sich vom bloßen Abnickverein zu konfliktbereiten Kontrollinstanzen gewandelt, vereinzelt machen sie ihren Rathauschefs mit hartnäckiger, kategorischer Opposition das Leben schwer. Abschreckend wirkt zudem, dass etliche Kommunen ihre finanziellen Spielräume eingebüßt haben, was so manchen ambitionierten Gestalter zum bloßen Mängelverwalter zurückstuft, der mit erbitterten Verteilungskämpfen zu tun bekommt. Und vergessen wir nie: Wahlämter sind immer nur Anstellungen auf Zeit und damit extrem riskant. Anstatt Kündigungsschutz zu genießen, hockt jeder Bürgermeister letztlich auf einem Schleudersitz!

der gemeinderat: Welche Rolle spielen die finanziellen Ausgaben für einen Wahlkampf? Sie regen ja an, der Staat solle Bürgermeisterkandidaten teilweise die Kosten ihres Wahlkampfes erstatten. Das könnte das Risiko eines nicht erfolgreichen Wahlkampfs mindern…

Abberger: Gerade weil qualifizierte Bewerber rarer werden, empfehle ich eine teilweise staatliche Kostenerstattung für Bürgermeisterkandidaten, abhängig vom jeweils erzielten Wahlergebnis. Mein Erstattungsmodell käme nur Bewerbern zugute, die mindestens zehn Prozent der Stimmen ernten, Spaßkandidaten wären aussortiert. Wer dagegen mit 48 Prozent scheitert, geht bisher komplett leer aus, obschon er Bürgermeisterformat bewiesen hat. Kann unsere Gesellschaft auf solche Talente auf Dauer verzichten? Nach dem Erstattungsmodell, wie ich es in meinem Buch vorrechne, würde das Land Baden-Württemberg diesem Kandidaten 48 Prozent seiner nachweislichen Kosten erstatten, auf dass er sich eine erneute Kandidatur andernorts zu leisten vermag. Die Auswirkungen auf den baden-württembergischen Staatshaushalt – auch das habe ich durchgerechnet – blieben übrigens mit maximal 18 Cent pro Jahr und Bürger sehr überschaubar.

der gemeinderat: Ortsfremde Bürgermeisterkandidaten müssen sich innerhalb kurzer Zeit Einblick in die grundlegenden lokalen Verhältnisse und Entwicklungsfelder verschaffen. Ohne Unterstützung ist das kaum zu meistern – was voraussetzt, dass sie auch ein (Partei-)Netzwerk für sich zu aktivieren wissen…

Abberger: Das ist ja gerade ein gewichtiges Argument für meinereins. Allerorten wünscht man sich vollkommen unabhängige Bürgermeister. Lässt sich ein Kandidat von Parteien oder anderen Unterstützern vom Ort unentgeltlich zur Wahl verhelfen, stehen diese dann gerne nach der Wahl auf der Matte und fordern vom Amtsträger eine nicht immer legitime Gegenleistung. Bedient sich ein Bewerber dagegen professioneller Wahlkampfhilfe von außerhalb, bleibt er nach Begleichen der Rechnung niemandem etwas schuldig. Er bleibt unabhängig.

der gemeinderat: Das Spektrum an Kommunikations- und Präsentationsmöglichkeiten hat sich in den vergangenen Jahren stark erweitert – Stichwort Internet. Kann es sich ein Kandidat heute noch leisten, die Kanäle der sozialen Medien zur Werbung für seine Person nicht zu nutzen?

Abberger: Der Einfluss sozialer Medien auf Bürgermeisterwahlen wächst. Facebook, Twitter & Co. bergen freilich ihre Tücken, der Umgang mit ihnen will gelernt sein. Zumindest ungeübten Kandidaten rate ich – noch – davon ab. Was jeder Bewerber braucht, der in Städten mit mehr als 10.000 Einwohnern antritt, ist eine ordentliche Homepage.


zurück zum Medienecho